GUILLAIN-BARRE-SYNDROM: Vergleich und Alternative zur Plasmapherese

Prof. Dr. W. F. Haupt, Neurologische Uniklinik Köln

Das Guillain-Barrè-Syndrom (GBS) ist eine Erkrankung, die zu diskontinuierlichem Markscheidenzerfall der peripheren Nerven führt und bei der aktivierte T-Zellen eine wesentliche pathogenetische Rolle spielen. Die Behandlung mittels Plasmaaustausch (PA) ist in mehreren Studien als wirksam erwiesen worden. Die Behandlung mit intravenösen Immunglobulinen (IgG) ist der Plasmaaustausch-Behandlung gleichwertig. Die zwei wesentlichen Therapieprinzipien, nämlich Elimination von pathogenetischen Substanzen aus dem Plasma (PA) und die immunmodulatorische Therapie (IgG) können als komplementäre, statt als alternative Therapien betrachtet werden. Wir haben diese These an einer Gruppe von Betroffenen untersucht.

Es wurden 45 Patienten nach schriftlicher Einwilligung in eine offene, kontrollierte Studie aufgenommen. Alle erfüllten die diagnostischen Kriterien des GBS. Wir haben die motorische Beeinträchtigung anhand einer Standardskala im Verlauf untersucht.

In einer ersten Gruppe von 11 Patienten führten wir Plasmaaustauschbehandlungen mit kontinuierlichen Blutzellseparatoren und Austausch von 2,0 bis 2,5 l Plasma pro Sitzung durch. Das Plasma wurde durch Humanalbumin 5% ersetzt.

In einer zweiten Gruppe wurden bei 13 Patienten Immunadsorptionsbehand-lungen mit TR 350 Säulen durchgeführt. Nach kontinuierlicher Blutzellseparation wurden 1,5 bis 3,7 l Plasma pro Sitzung verarbeitet.

In einer Gruppe von 21 Patienten führten wir erst Immunadsorptionen wie oben beschrieben durch, danach applizierten wir IgG in einer Dosierung von 0,4 g/Kg Körpergewicht über 5 Tage. Während des Verlaufes benötigten 16 Patienten eine künstliche Beatmung, kein Patient verstarb. Wir haben die klinischen Verlaufsdaten dieser drei Gruppen verglichen nach den Kriterien:

1. Klinischer Score bei Aufnahme

2. Klinischer Score beim Höhepunkt der Erkrankung

3. Klinischer Score am Tag 28 der Erkrankung, nach 6 Monaten und nach einem Jahr

4. Änderung des Scores von Aufnahme zu Tag 28

s. Änderung des Scores vom Maxi-mum zu Tag 28

6. Anzahl der Krankenhaustage

Im ersten Schritt verglichen wir die Ergebnisse von Plasmaaustausch (11 Patienten) und Immunadsorption (13 Patienten). In einer Voruntersuchung fanden wir keine Unterschiede hinsichtlich klinischem Verlauf und Nebenwirkungsrate in diesen beiden Gruppen. Auch fanden sich keine statistisch signifikanten Gruppenunterschiede in Hinblick auf die oben aufgeführten klinischen Verlaufsdaten.

Daher wurden beide Gruppen als gleichwertig betrachtet. Wir verglichen anschließend die Ergebnisse der Plasmatherapie-Gruppe von 23 Patienten mit den Daten einer Gruppe von 21 Patienten, die erst mit Plasmatherapie und anschließend mit IgG behandelt worden waren. Hier ergaben sich keine Unterschiede hinsichtlich Alter oder Zeit zwischen Auftreten der Erkrankung und Krankenhausaufnahme. Es ergaben sich auch keine statistisch signifikanten Unterschiede hinsichtlich klinischer Score bei Aufnahme und am Höhepunkt der Erkrankung, Dauer bis zur ersten Besserung, Score am Tag 28 oder Änderung des Scores von Maximum zu Tag 28. Dagegen konnte ein signifikanter (P=0,02) Unterschied für die Zeit vom Auftreten der Erkrankung zur ersten Behandlung mit Bevorzugung der Gruppe mit sequenzieller Behandlung nachgewiesen werden.

Dieser Unterschied implizierte zunächst, dass ein früherer Behandlungsbeginn für die besseren Ergebnisse der sequenziell behandelten Gruppe verantwortlich sein könnte. Bei weiterer Analyse der Patienten, die nach frühem oder späterem Behandlungsbeginn dichotomiert wurden, fand sich aber kein Unterschied (P=0, l). Das wichtigste Ergebnis war der Nachweis einer signifikant (P=0,02) besseren Änderung des klinischen Scores von Aufnahme zu Tag 28 in der sequenziell behandelten Gruppe, was eine höhere Effizienz der sequenziellen Behandlung anzeigt. Zusätzlich erreichten die Unterschiede in den Ergebnissen für "Score-Differenz vom Maximum zu Tag 28" (P=0,07) und "Anzahl Krankenhaustage " (P=0,06) Werte, die nahe am konventionellen Signifikanzniveau (P=0,05) lagen und ebenfalls tendenziell für eine Überlegenheit der sequentiellen Therapie sprechen. Sowohl bei den Plasmaaustausch- wie bei den Immunadsorptions-Patienten traten vergleichbare Raten von Komplikationen bei Behandlung und im klinischen Verlauf auf.

Die Plasmaaustausch-Behandlung ist bei GBS wirksam. Die Behandlung mittels Immunadsorption führt nach unseren Ergebnissen zu gleichartigen Resultaten und erscheint daher als sinnvolle Alternative zur Plasmaaustausch-Behandlung. Da bei der Behandlung keine fremden Eiweißstoffe (Humanalbumin) zugeführt werden, ist diese Behandlungsart insgesamt risikoärmer und weniger kostenträchtig.

Die Immunadsorption ist auch bei der Myasthenia gravis erfolgreich eingesetzt worden.

Die Behandlung mit Immunglobulinen ist ebenfalls wirksam bei verschiedenen immunologischen Erkrankungen wie auch beim GBS.

Unsere Ergebnisse zeigen an, dass die sequenzielle Therapie des GBS eine raschere Erholung bewirken kann als die Therapie mit nur einer Behandlungsmodalität. Dadurch kann eine schnellere Erholung der Patienten und eine kürzere Verweildauer im Krankenhaus bewirkt werden. Beide Umstände tragen zu einer Verminderung der Krankheitskosten bei.


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